Rezensionen

http://www.graswurzel.net/372/vegan.shtml

http://www.amazon.de/dp/3940213713

http://www.news.de/gesellschaft/855281088/keine-herrscher-mehr-anarchie-ist-jetzt-auch-veggie/1/

http://www.welt.de/aktuell/article13917069/Den-Vegetariern-gehoert-die-Zukunft.html

 

Muss, wer sich vegan ernährt, nun auch Steine schmeissen und umrundete A’s an die Häuser malen? Diese Frage werden sich wohl einige beim Lesen des Titels des neuen Buches von Bernd-Udo Rinas gestellt haben.

Eins schon mal vorweg: Nein muss mensch nicht! Muss auch nicht, wer sich der anarchistischen Utopie verbunden fühlt. Denn mit solchen und anderen Vorurteilen räumt Rinas gründlich auf und erarbeitet in seiner Dissertation Schritt für Schritt die Zusammenhänge zwischen Veganismus, Postmoderne und Anarchismus. Zwar liegt sein Hauptaugenmerk auf „sich anarchistisch verstehende Veganer_innen“, jedoch ist dieses Buch gerade für vegan lebende Menschen, die sich bisher kaum mit anarchistischer Literatur auseinandergesetzt haben, eine äußerst bereichernde Lektüre.

In seiner Dissertation geht Rinas hauptsächlich drei Fragen, drei Hypothesen auf den Grund:
1. Ist der Veganismus durch die Postmoderne beeinflusst oder gar erst ermöglicht worden?
2. Kann dieser Veganismus als ein auf den Lebensalltag ausgerichteter Politikansatz von Jugendlichen verstanden werden, der diesen in der Postmoderne ein anarchistisches Leben ermöglicht?
3. Ist der Veganismus als ein (neuer) postmoderner Anarchismus zu verstehen?

Rinas, der sich seit langer Zeit mit Jugendkulturen auseinandersetzt, umschreibt zu Anfang schonungslos und verblüffend realitätsnah die Gegebenheiten, denen Jugendlichen zu Beginn des neuen Jahrtausends ausgesetzt sind und stellt diese in einen gesamtgesellschaftlichen Rahmen der als postmodern umschrieben werden kann. Nach dieser Bestandsaufnahme der Situation, in der wir uns befinden, widmet er sich eindringlich dem Veganismus und versucht seine geschichtliche Entwicklung nachzuzeichnen. Dabei geht er zurück bis hin zu den alten griechischen Philosophen und den Ursprüngen der großen Weltreligionen.
Er bleibt jedoch keinesfalls in der Antike stecken, sondern legt großen Wert auf zeitgenössische Denkansätze. So umschreibt er auch verschiedene verwandte „Bewegungen“ und geht dabei näher auf die Tierschutz-, die Tierrechts- und die Erdbefreiungsbewegung des 20. und 21. Jahrhunderts ein. Einen besonders hohen Stellenwert nimmt in seinen philosophischen Ausführungen die Überwindung des Anthropozentrismus ein, mit welchem der Veganismus einhergeht.
Hier sieht Rinas den Anknüpfungspunkt zum zeitgenössischen Anarchismus. Er beleuchtet verschieden Strömungen, wie etwa den Öko-Anarchismus, den Anarcha-Feminismus oder den sogenannten Projekt-Anarchismus und stellt diese in Bezug zum Veganismus.
In gewissen anarchistischen Kreisen fand in den letzten Jahrzehnten ein Umdenken statt. Auch wenn die alten Schriften des vorletzten Jahrhunderts immer noch viel Inspiration mit sich bringen, so entsprechen die heutigen Herrschaftsstrukturen nicht mehr denen vor 160 Jahren, und somit muss sich auch eine herrschaftskritische Bewegung den Herausforderungen der postmodernen Welt stellen. Heute ist es nicht mehr der Staat, der unbedingt weg muss, sondern die Herrschaftsstrukturen die jede_r in sich mitträgt und reproduziert. Dazu gehört laut Rinas eben auch die Herrschaft gegenüber Tieren und der Natur und Umwelt. Eine Welt, die frei von Ausbeutung und Herrschaft ist, muss diese Prinzipien zwangsläufig auf unser gesamtes Ökosystem ausweiten, und daher kann nur eine vegane Lebensweise wirklich herrschaftsfrei sein.

So manche_r Veganer_in wird überrascht sein, welche Parallelen zur anarchistischen Theorie offensichtlich bestehen und wohl für viele bereits als selbstverständlich internalisiert wurden, ohne sich näher mit dem bekannten A befasst zu haben. Es lohnt sich jedoch auf jeden Fall, sich unvoreingenommen an das Thema heranzuwagen und vielleicht auch seine eigenen Vorurteile gegenüber einer gesellschaftspolitische Utopie über Bord zu werfen.

Auf jeden Fall ein gelungenes Werk, das sowohl Veganer_innen wie Anarchist_innen zum Nachdenken bringen wird!

Rezension von Jannik Böhm
Er studierte Politikwissenschaft, lebt selber vegan und ist in öko-libertären Zusammenhängen aktiv.

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